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19.04.2023|

Euphemismen oder die Beschönigung der Realität

«Negativrenditen», «Raumpfleger» oder «Prekariat»: es vergeht kaum ein Tag, ohne dass wir einer beschönigenden Umschreibung eines vermeintlich unangenehmen Wortes begegnen. In der Öffentlichkeit erfreuen sich Euphemismen vor allem in der Wirtschaft und Politik grosser Beliebtheit. Im Privaten tauchen sie zuverlässig bei Tabuthemen auf. Doch wenn die verbale Schönfärberei einmal entlarvt ist, geht der Schuss meist nach hinten los.

Euphemismen lauern überall. Sie sind kein neues Phänomen, sondern wohl annähernd so alt wie die ersten menschlichen Wörter. Seit Menschengedenken dienen Hüllwörter dazu, Sachverhalte zu verharmlosen oder zu tarnen, Anstössigkeiten und Tabus zu umgehen, Gefühle zu schonen oder Unangenehmes aufzuwerten. Mit dem Übergang zum Informationszeitalter scheint sich die Verbreitung von Euphemismen zusätzlich beschleunigt zu haben. Diese Entwicklung hatte schon der Schriftsteller George Orwell in seinem dystopischen Roman «1984» vorausgesagt und mit «Newspeak» den passenden Begriff dafür geprägt.

Muttersprache der Manipulation
Während «Newspeak» in Orwells Roman ein Mittel des totalitären Regimes ist, um die Freiheit des Denkens auszumerzen, sind die Gründe für den heutigen Gebrauch von Euphemismen natürlich weitaus komplexer. Beschönigende Wörter sind nicht auf politische Systeme oder einzelne Sprachen beschränkt, sondern finden sich überall. Gemeinsam ist allen ein gewisser Grad von Manipulation. Während dieser in Politik und Wirtschaft meist ausgeprägter ist und mit Kalkül eingesetzt wird, ist er im Privaten subtiler und dient oft dazu, Gefühle zu schonen. So spricht man bei Themen rund um den Tod lieber von «friedlich Einschlafen» als von Sterben, von «Schwangerschaftsabbruch» anstelle von Abtreibung und besucht die Eltern oder Grosseltern in der «Seniorenresidenz» anstatt im Altersheim.

Je expliziter, desto verhüllender  
In der Tendenz gilt: Je expliziter die Thematik, desto verhüllender die Euphemismen. So begegnen uns ein paar der haarsträubendsten Beispiele in der Kriegsberichterstattung. Dort werden zivile Kriegsopfer oftmals «Kollateralschäden» genannt, oder eine gezielte Tötung ist eine «Neutralisierung» des Feinds. Das Konzentrationslager hat schon vor langer Zeit traurige Bekanntheit erlangt, während Folter zum Teil immer noch als «alternative Abhörmethode» bezeichnet wird. Auch in der Welt von Wirtschaft und Politik reibt man sich ab der verhüllenden Dreistheit zuweilen die Augen: «Humankapital», «alternative Fakten» oder «sozialverträglicher Stellenabbau» haben eigentlich nur ein Ziel – von der Realität abzulenken und die Fakten zu verharmlosen oder komplett zu verdrehen.

Schönfärberei hat kurze Beine
Eins ist sicher, früher oder später fliegt die Schönfärberei auf. Oder anders gesagt: Was verhüllt ist, neigt dazu, enthüllt zu werden. Ist das Porzellan erst verschlagen, sagen Euphemismen oft mehr über die Sprechenden oder Organisationen aus, als wenn diese die Dinge von Anfang an beim Namen genannt hätten. Die Verwendung von Euphemismen tendiert also am Ende des Tages zum Gegenteil der Absicht, die dahintersteckt. Nämlich, dass die Verharmlosung die Sache nicht besser, sondern schlimmer macht. Ganz im Sinne von: Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht.

Über den Autor

Fabian Baer nennt die Dinge gerne beim Namen und versucht, Euphemismen möglichst auf diejenigen Bereiche zu beschränken, wo sie der sprachlichen Bereicherung dienen können: in der Poesie oder der Ironie. Klar kann es je nach Kontext vorkommen, dass er etwas auch mal als «suboptimal» bezeichnet. So richtig auf das Thema eingestimmt hat ihn ein Sketch des legendären amerikanischen Stand-Up Comedians George Carlin.