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28.06.2023|

Sich kurz zu fassen, zahlt sich aus

Ein Thema kurzfassen und einen komplexen Sachverhalt so darlegen, dass ihn auch ein Laie versteht: Wer diese Kunst beherrscht, langweilt nicht und kommt schneller ans Ziel. Das gilt für Unternehmen ebenso wie für Politikerinnen und Kommunikationsberater.

Während meines Studiums sagten mir Freunde, ich hätte den Drang, die Dinge zu vereinfachen und stets auf den Punkt zu bringen. Ich musste mir sagen lassen, dass die Welt viel komplexer sei, als ich es mir vorstellen könne, man müsse sie deshalb differenziert betrachten. Die Kritik liess ich an mir abtropfen. Ich bin nun mal, wie ich bin, und ging meines Weges der Vereinfachung. Ich sollte es später nicht bereuen.

Damals wusste ich nicht, dass ich einen Verbündeten habe. Es ist William Shakespeare. Er fand, sich kurz auszudrücken, sei etwas Gutes. Vor über 400 Jahren lässt er in Hamlet sagen: «Brevity is the soul of wit». Shakespeare wollte damit sagen, dass intelligente Menschen etwas mit wenigen Worten ausdrücken können. «Wit» stand zu dieser Zeit nämlich sowohl für «Witz» als auch für «Weisheit». Als «In der Kürze liegt die Würze» ist die Hamlet’sche Redewendung in die deutsche Sprache eingeflossen. Erstaunlich ist nur, dass sich kaum jemand daranhält.

Langeweile ist tödlich
«Das Leben ist zu kurz für einen Roman», sagte der österreichische Literaturkritiker Alfred Polgar. Leider sind viele Menschen davon überzeugt, dass das, was sie sagen möchten, viel zu interessant ist, um es in Kürze abzuhandeln.

Die Folge davon sind nicht enden wollende Vorträge, Weihnachtsansprachen oder Laudationes. Sie sind unerträglich, denn es gibt oft kein Entrinnen. Hier noch eine sprachliche Volte, dort eine kleine Anekdote. Verstärkt wird die Qual des Publikums dadurch, dass der vortragenden Person der Genuss dabei oft vom Gesicht abzulesen ist.

Nichts gegen blumige Formulierungen. Sie gehören nicht nur in die Literatur oder das Feuilleton der NZZ. Richtig dosiert sind sie durchaus erwünscht in einer Rede. Diese darf nur eines nicht: Das Publikum langweilen. Tut sie es trotzdem, verabschieden sich die Zuhörer und -seher auf Zoom oder Teams bald einmal.  

Wer frei redet, also kein vorbereitetes Manuskript abliest, kann vom Thema abschweifen, verwendet jedoch selten komplizierte Schachtelsätze. Unser Gehirn ist nicht dafür gemacht. Anders sieht es in der schriftlichen Sprache aus, derer sich Unternehmen bedienen. Die Sprache dort wird auch als Corporate Speak bezeichnet.

Sprachliches Imponiergehabe in Unternehmen
Versteht der Leser im Internet nicht sofort, was man ihm sagen will, clickt er sich bald einmal weg und kommt nicht mehr zurück. Deshalb sind für Unternehmen Formulierungen, die einen Sachverhalt auf den Punkt bringen, überlebenswichtig. Die Realität sieht anders aus.

Auf Webseiten und in Broschüren geht es scheinbar darum, den Leser zu beeindrucken. Dies liest sich dann so:

  • Im Zentrum des für die Branche zukunftsweisenden Kongresses stehen insbesondere drei Problemkreise, die lösungsorientiert angegangen werden sollen: die technische Realisierbarkeit im Bereich des Nullenergiebaus in ihrer jeweiligen Relation zur wirtschaftlichen Praktikabilität und auch zur kundenseitigen Akzeptanz.

Diese aufgeblähte Ansage ist schwer verdaulich. Bleibt man unter sich, allenfalls auch im B2B-Kontakt, mag der Text gefallen, im B2C-Bereich eher nicht. Obiges lässt sich einfacher, klarer und kürzer sagen. Der langen Rede kurzer Sinn:

  • Der Kongress will für das nachhaltige Bauen klären, was die Technik kann, was die Wirtschaft will und die Leute mögen.

Kurz und knapp: Es gibt keine Entschuldigung
Wenn ich auf Kürze poche, um den Leser nicht zu langeweilen, höre ich immer wieder: «Dieses Thema lässt sich nicht kurzfassen». Ich entgegne dann jeweils, dass sich alles, was man mit vielen Worten sagen kann, kürzen lässt – so man denn will. Weltliteratur lässt sich kompakt auf einen Satz reduzieren. Erraten Sie, um welche Bücher es sich handelt?

  • Auch wenn du deiner Existenz keinen Sinn abgewinnen kannst, droht dir die Guillotine. («Der Fremde» von Albert Camus)

  • Schweine, die sich wie Menschen gebärden und andere Tiere unterdrücken, sind Kommunisten. («Animal Farm», George Orwell)

  • Nahtod-Erfahrung hin oder her: Darauf zu beharren, dass du ein anderer bist, macht dich nicht zu einem anderen. («Stiller», Max Frisch)

  • Tue Gutes, sonst kriegst du Ärger. («Bibel» – Altes Testament)

Wenn es darum geht, einen Sachverhalt kurz und knapp zusammenzufassen, geht es um nichts anderes, als das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden und Prioritäten zu setzen.

Will ich einen komplexen Zusammenhang verstehen, versuche ich mir diesen möglichst einfach zurecht zu legen. Am Anfang steht deshalb eine kurze und knappe Zusammenfassung. Hilfreich kann es sein, sich vorzustellen, den Sachverhalt einem Kind zu erzählen. Wenn es die Zusammenhänge versteht, tut dies auch ein Laie.

Bei der Umsetzung ist darauf zu achten, einfache Sätze zu verwenden mit einem Gedanken und einer Hauptbotschaft. Das Wichtigste kommt immer am Anfang.

Lernen von Werbern und Politikern
In der heutigen Welt, in der unsere Aufmerksamkeitsspanne begrenzt ist und wir täglich mit einer Flut von Informationen konfrontiert werden, ist es entscheidend, Texte kurz, prägnant und verständlich zu halten. Lernen kann man dies von der Politik und der Werbung. Dort hat es keinen Platz für Redseligkeit.

  • «Auch die arktische Klimajugend schätzt unsere Transportmittel» (ZVV)

Wahl- und Abstimmungskampagnen leben von der hohen Kunst des Vereinfachens. Sie müssen die Essenz einer Partei und komplexe politische Zusammenhänge in prägnante Botschaften umwandeln – «fadengrad», konzentriert und knackig.

  • Zürcher Hightech ins Ausland vertreiben? NEIN am 18. Juni ! (SVP Zürich – 15. Juni 2023)

  • Wir ergreifen Partei für bezahlbare Prämien ! (SP Schweiz – 30. Mai 2023)

Schliesslich wollen sie auf wenig Platz aufzeigen, worum es in der nächsten Wahl geht.

Das Medium, um dies zu transportieren ist Twitter. Mit der begrenzten Zeichenzahl von 280 Zeichen erfordert es, dass man die Dinge auf den Punkt bringen muss und nicht differenzieren kann. In dieser Hinsicht bietet sich Twitter als Instrument der Disziplinierung von Vielschreibern an.

Kurz ist erfolgreich
Man kann mit wenigen Worten viel sagen. Unternehmen und Politiker, welche sich auf das Wesentliche konzentrieren und dieses auch noch mit Witz und Weisheit kommunizieren, können damit rechnen, dass ihre Botschaften vom Publikum verstanden werden. Die Güte eines Textes nimmt nicht mit dessen Länge zu. Wer dies behauptet, sollte sich erinnern, dass selbst 1000-seitige Bücher und jede Studie Zusammenfassungen enthalten. Man will schliesslich wissen, was einen erwartet.

Über den Autor

Und zu Philippe Welti persönlich: Ihn erstaunt, dass ihn die Vorwürfe seiner Kollegen – auch wenn sie ihm durch die Blume gereicht wurden – nie irritiert haben. Offenbar ist er kaltblütiger als gedacht. Seine Gabe, komplexe Sachverhalte verständlich zu vereinfachen, hat sich jedenfalls für ihn als Vorteil entpuppt. Er ist im richtigen Job gelandet.