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02.07.2020 |

Weniger ist manchmal mehr

Plant Ihr Arbeitgeber als 13. Firma der Branche ein «revolutionäres» Blockchain-Projekt? Dann schweigen Sie sich darüber aus! Für den unwahrscheinlichen Fall, dass es von Erfolg gekrönt sein sollte, können Sie hinterher darüber reden.

Haben Sie seit kurzem eine zweite Frau in der erweiterten Geschäftsleitung? Versenden Sie auf keinen Fall ein Communiqué! Das wäre schlicht peinlich, wo doch die Hälfte des Managements weiblich sein müsste. Wenn Ihr Unternehmen mit dem Thema Diversität Schlagzeilen machen will, sollte es eine schwarze Transfrau im Rollstuhl einstellen. Als CEO natürlich und nicht etwa in einer Pink-Ghetto-Funktion wie dem Personalwesen. Es würde der Sache zudem helfen, wenn die queere, neue Chefin eine praktizierende Schiitin wäre.

Arbeiten Sie für einen Vermögensverwalter, der jetzt – wir reden vom Jahr 2020 – erstmals nachhaltige Anlagefonds ins Angebot nimmt? Wenn Sie eine Medienmitteilung dazu veröffentlichen, outen Sie Ihre Firma als Hort der Reaktion. Sie positionieren sie als Organisation, die sich nach langen Jahren des Widerstands ins Unvermeidliche schickt und nun halt auch etwas Nachhaltiges macht. Wenn es denn wirklich sein muss.

Sie sehen also, dass es im ureigenen Interesse Ihres Arbeitgebers ist, wenn sie als PR-Verantwortlicher hart auf die Bremse treten. En passant würden Sie damit auch uns einen riesen Gefallen tun. Wir Journalisten beobachten fassungslos, wie sich unsere Mailbox Tag für Tag schneller mit Clutter füllt. Nichts, aber auch wirklich nichts, ist belanglos genug, um nicht mit pompösen Worten in einem Medienaussand angepriesen zu werden.

Gefühlt hat sich die Zahl der PR-Leute in den letzten zehn Jahren verzehnfacht. Und weil diese nicht auf der faulen Haut liegen, produzieren sie auch zehnmal so viel warme Luft.

Als PR-Spezialist denken Sie jetzt wahrscheinlich, dass Sie nur bedingt Einfluss auf diese unselige Entwicklung haben. Es ist schliesslich das Topmanagement, das jede seiner zweitklassigen Ideen für kampagnenwürdig hält. Trotzdem: Wenn Sie eine Midlife-Karrierekrise vermeiden wollen, sollten Sie Ihre Rolle neu interpretieren.

Trichtern Sie der Geschäftsleitung ein, dass Schweigen Gold ist. Dass in der Kürze die Würze liegt. Dass Worthülsen und Phrasen eine imageschädigende Wirkung haben. Dass auch das raffinierteste «Storytelling» nichts bringt, wenn die Geschichte dröge ist.

Sind Sie die PR-Chefin? Dann nehmen Sie in die Zielvereinbarung ihrer Mitarbeiter auf, dass diese mindestens fünf unnötige Medienmitteilungen pro Jahr verhindern sollen. Weisen Sie ihre Untergebenen darauf hin, dass die Verwendung folgender Wörter in Communiqués per sofort mit einer Prügelstrafe sanktioniert wird: Disruptiv, agil, revolutionär etc.

Schärfen Sie Ihrem CEO ein, dass sein Wort ungleich mehr Gewicht hat, wenn er sich rar macht und nur einmal im Jahr ein Interview gibt. Und tritt ihre VR-Präsidentin künftig vor die Medien, dann nur noch, um etwas Neues zu sagen. Kurz und knackig, natürlich.

Gastautor
Markus Städeli, Wirtschaftsredaktor bei der NZZ am Sonntag