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08.12.2021 |
Mit Sprachpapst Martin Luther zu gutem Deutsch

Die zehn Gebote

Wer gelesen werden möchte, sollte klares Deutsch schreiben. Doch ohne Schweiss – und manchmal Tränen – geht das nicht, denn es ist noch kein Sprachmeister vom Himmel gefallen. Der Reformator Martin Luther ist der Schöpfer der deutschen Sprache. Von ihm können wir lernen, wie man attraktiv formuliert.

Martin Luther ebnete mit seiner Bibelübersetzung den Weg zu unserem heutigen Deutsch. In seinem «Sendbrief vom Dolmetschen» berichtete er, wie er sich tagelang an Formulierungen abmühte und manchmal «in vier Tagen kaum drei Zeilen» zustande brachte. Die Mühe lohnte sich. Seine Sprache ist deutsch und deutlich. Sie beindruckt den einfachen Mann ebenso wie Gelehrte. Dies macht das geniale Sprachgenie zu einem Vorbild für uns alle.

Die folgenden zehn Gebote liefern Anregungen, wie man verständliche und attraktive Texte verfasst, die der Leserin und dem Leser schmecken. Das Gute daran: Um die Tipps umzusetzen, muss man nicht Christ sein.

1. Lust wecken aufs Weiterlesen
Gelingt es dem Autor nicht, mich mit den ersten Sätzen zu fesseln, hat er mich schon verloren. Der Anfang einer Geschichte muss deshalb Lust machen, weiterzulesen, oder anders gesagt: dem Leser den «Ärmel hineinziehen». Dies kann auch mit einem Witz oder unerwarteten Vergleich geschehen. Bei Luther lautet der erste Satz des Evangeliums nach Johannes:

_ «Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.»

Luther tut es seinem Stil entsprechend: rhythmisch, klar, so wie es sich für die Religion des Wortes gehört. Thomas Hürlimann, den ich als Autor mag, lässt «Fräulein Stark» so beginnen:

_ «…und gedachte er die Blätter einer tausendjährigen Bibel zu berühren, zog er Handschuhe an, schwarz wie die Dessous meiner Mama.»

_ «Alle Kinder, bis auf einen, werden erwachsen» ist einer der Gründe für den Erfolg von Peter Pan.

2. Verben treiben Geschichten voran
Verben sind die Königswörter der Sprache. Sie drücken das Geschehen aus und treiben die Handlung voran. Geschähe nichts auf der Welt, hätten wir auch nichts zu sagen. Die Verben können, was aneinandergereihten Substantiven nicht gelingt. Sie machen die Sprache lebendig. In seinen Predigten und Schriften benutzt Luther Verben wie «stechen», «schlagen» und «würgen», mit denen er kräftig austeilt.

Wo sie angebracht sind, scheut er sich aber nicht, schlichte Verben wie «haben» oder «sein» einzusetzen. Ganz nach dem Motto: Einfache Einsichten lassen sich mit einfachen Worten benennen. Luther im Buch Kohelet der Bibel:

_ «Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben und dem Himmel hat seine Stunde.»
_ «Lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit, Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.»

3. Nennen, wer handelt – aktiv formulieren
Passivkonstruktionen sind bequem. Mit ihnen kann man sich unpersönlich ausdrücken, ohne die Akteure einer Handlung zu nennen. Das war nichts Luthers Ding. In der Unternehmenskommunikation ist dies aber immer dann erwünscht, wenn man sich nicht exponieren will.

_ «Wir stellen fest, dass in Südkorea und China hohe Summen in die Forschung investiert werden, um der westlichen Welt den Führungsanspruch strittig zu machen.»

Wichtig und interessant ist es doch zu wissen, wer diese Summen investiert und wie hoch diese sind. Besser wäre:

_ «Wir stellen fest, dass X und Y in Südkorea hohe Summen in die Forschung investieren, um der westlichen Welt den Führungsanspruch strittig zu machen.»

Fazit: Wer aktiv formuliert, gewinnt die Zeit, die er sonst für die Beantwortung von Fragen verwendet.

4. Die Dinge präzise benennen
Luther hasste das Ungefähre. Er «schaute dem Volk aufs Maul» und wusste, dass abstrakte Begriffe für die Leser eine Qual sind. An der Krippe in Bethlehem standen deshalb nicht «zwei Lebewesen», auch nicht ein «Paarhufer und ein Unpaarhufer», sondern ein Esel und ein Ochse. Statt «einem heiligen Öl, das in der Liturgie zur Anwendung kommt» übersetzt er: «Da nahm Maria ein Pfund Salböl».  

Tipp: Verwenden Sie, wenn Sie reden oder schreiben, nie die Überbegriffe. Nehmen Sie sich den berühmtesten Satz des Spiegel-Gründers und -Herausgebers Rudolf Augstein zu Herzen: «Sagen, was ist». So definierte er die Aufgabe der Medien.

5. Länge variieren – auch lange Sätze sind verständlich
Es gibt Unternehmen, die ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern empfehlen, Sätze mit mehr als 15 Wörtern zu vermeiden. Das kann man tun. Bloss: Auch lange Sätze können verständlich lesbar sein. Idealerweise wechseln sich in einem Text kurze mit langen Sätzen ab. Heute würde Luther twittern, denn er kann mit wenigen Worten alles sagen.

_ «Gibt es eine Hölle, so steht Rom drauf.»

Aber auch lange Sätze können verständlich und elegant sein. Kurze Wörter mit wenigen Silben und Sätze mit weniger als 30 Wörtern sind Luthers Geheimnis.

_ Die Männer aber, die Jesus hielten, verspotteten ihn und schlugen ihn, verdeckten ihn und schlugen in sein Angesicht und fragten ihn und sprachen …

6. Adjektive – zwei Drittel sind überflüssig
«Schwarze Raben» sucht man in der Bibel vergeblich. Luther wusste die Eigenschaftswörter richtig einzusetzen. Deshalb verwendet er sie kaum, seine Sprache reduzierte sich damit auf das Wesentliche. Nichts gegen Adjektive, aber bitte nur, wenn sie etwas erzählen, das man nicht schon wusste. Leider werden sie meist als Füllwörter verwendet. Noch öfters werden sie falsch eingesetzt.

Die deutsche Sprache strotzt vor «innovativen Neuerungen». Bloss: Eine Innovation ist schon etwas Neues. Dummerweise lassen sich Eigenschaftswörter noch steigern – allerdings nicht alle. «Einzig» ist so ein Adjektiv. Es lässt sich nicht steigern, denn die Sache, die es beschreibt, gibt es nur einmal. «Bin ich denn der einzigste hier» ist deshalb falsch. Übrigens: Eine viereckige Schachtel wird durch Steigerung auch nicht «viereckiger», sonst wäre sie nicht mehr viereckig. Der deutsche Sprachpapst Wolf Schneider forderte, dass «zwei Drittel» aller Adjektive gestrichen werden sollten. Ich finde, er hat recht.

7. «Blähdeutsch» – Deutsch für Wichtigtuer
Wenn die Rede auf Räumlichkeiten kommt, die insbesondere für Feierlichkeiten geeignet sind, dann überkommt mich das Frösteln. Räume gewinnen nicht an Bedeutung, indem sie zu Räumlichkeiten gepimpt werden. Es gibt einzig und allein Feiern, Feierlichkeiten existieren nicht. Dasselbe gilt für Planbarkeiten, Problembereiche und Verdeutlichungen eines Sachverhaltes. «Blähdeutsch» grassiert oft in Medienmitteilungen, die sich wichtiger machen wollen, als sie sind. Wolf Schneider kreierte dafür den treffenden Begriff.

Die Bibel ist frei davon, und das ist gut so. Das Leiden von Jesus beginnt mit dem Verrat durch Judas. Luther hätte diese Geschichte ausschmücken und aufblähen können. Er tat es nicht und verwendete dazu nur gerade neun Worte:

_ «Was wollt ihr mir geben? Ich will es euch verraten.» Einfacher, verständlicher und schöner kann man das nicht sagen.

8. Sprechende Bilder verwenden: «Der Wolf im Schafspelz»
Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Eine bildhafte Sprache kann noch mehr: Sie bleibt im Gedächtnis haften und kann Gefühle hervorrufen, sie macht einen Text aber auch attraktiv, lebendig und verständlich. Wo es ihm angebracht schien, erfand Luther neue Wörter. Dazu gehören beispielsweise «Lästermaul», «Schandfleck», «Lockvogel» und «Gewissensbiss». Aber auch die Redensarten «Wolf im Schafspelz», «Perlen vor die Säue werfen» und «jemandem das Herz ausschütten» sind von ihm.

Das Schweizerdeutsche kennt wunderschöne Wörter, die Bilder hervorrufen, bei denen es einem warm ums Herz wird. Auch wenn es sie im Hochdeutschen nicht gibt, sind sie doch zu schön, um sie nicht in Texte einfliessen zu lassen. Dazu gehören für mich «längizyti» (ich bin auch ein bisschen Berner), «heimelig» und «Chrüsimüsi». Ich erlaube mir hin und wieder, diese Wörter in meinen Mails oder Texten zu verwenden. Alle haben sie verstanden, es hat sich noch nie jemand beschwert und einige Leser haben sich sogar gefreut.

9. Floskeln weglassen
Floskeln sind formale Redewendungen, blutleere Phrasen. Es braucht sie nicht, man kann sie einfach weglassen, ohne dass jemand etwas vermisst. Selbst Luther kam nicht ohne Floskeln aus. Die Weihnachtsgeschichte lässt er sogar mit einer beginnen: «Es begab sich…». Er tut dies nicht nur einmal. Es ist Luthers kleine Marotte, die sich durch die ganze Bibel zieht.

Die abgedroschenen Redewendungen sind heute allgegenwärtig in den Medien. Droht ein Manager den Job zu verlieren, so «wackelt sein Stuhl», wer ein Risiko eingeht, «lehnt sich weit aus dem Fenster», Verbrecher machen die Gegend am «helllichten» Tag unsicher und Verwaltungsräte «winken Anträge durch», wenn sie sie nicht «absegnen».

10. Verständlich schreiben
Die abgehobene, theologische Sprache der reformierten Kirchen in der Schweiz verstehe ich nicht. Offenbar bin ich der Kirche egal. Andere empfinden gleich und wenden sich in Scharen von ihrer Kirche ab. Einzig dem verstorbenen Pfarrer Sieber konnte ich folgen. Er hatte Luther-Potenzial. Auch Wissenschaftler bedienen sich gerne einer Expertensprache. Sich so auszudrücken, dass es die Menschen auf der Strasse verstehen, fällt ihnen schwer. Die «NZZ» formulierte den Grund dafür so: «Unverständlichkeit ist ein Gradmesser von Wissenschaftlichkeit.»

Kirche, Wissenschaft und Behörden haben eines gemeinsam: In ihren Kreisen bleibt man gerne unter sich. Unternehmen dagegen sind darauf angewiesen, dass ihre Sprache von den Kunden verstanden wird. Es ist möglich, Kompliziertes einfach zu sagen. Schafft dies eine Firma nicht, verschwindet sie schnell vom Markt. Falls Sie bis hier gelesen haben, fragen Sie sich vielleicht, weshalb hier der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli nicht genannt wird, schliesslich vollendete er seine «Froschauer Bibel» bereits 1531, drei Jahre vor Luther.

Tatsächlich hat Zwingli die Bibel ins Alemannische übersetzt, Luther die seine jedoch in die neuhochdeutsche Schriftsprache, die er für den gesamten deutschen Sprachraum schuf. Die Luther-Bibel von 1534 bildet die Basis für das heutige Standarddeutsch. Um verständlich zu schreiben, muss man nicht die ganze Bibel lesen. Einen Blick auf Luthers Schriften zu werfen, ist aber durchaus erhellend.

Empfehlenswert ist immer: Bücher lesen. Es muss nicht immer Luther sein.  

Autor
Philippe Welti verfolgt nicht nur die Medien, sondern liest auch gerne Bücher. Kürzlich hat er «Die Schlange im Wolfspelz – Das Geheimnis grosser Literatur» von Michael Maar gelesen. Das Buch hat ihn zu obigem Text inspiriert. Andere Autoren, die er mag sind Markus Werner, Thomas Hürlimann, Joseph Roth und Janet Lewis.