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03.06.2020 |

Home alone im Office

 

Die Corona-Pandemie hat zu einer Homeoffice-Revolution geführt. Doch das Ende des Büros heraufzubeschwören, ist verfrüht. Der Mensch als soziales Tier, das lebensecht kommuniziert und das Büro braucht. Allein zu Hause geht auf Dauer nicht. Nach dem Lockdown gilt es, die richtige Balance zu finden.

Wohl dem, der in der Corona-Krise von zu Hause arbeiten kann – wenn er es denn kann. Ich gehöre nicht dazu. Ich arbeite gerne konzentriert und in Ruhe. Mit schulpflichtigen Kindern um sich herum ist dies ein Ding der Unmöglichkeit. Ich weiss wovon ich spreche, ich habe es probiert.

Ich bin sicher nicht der einzige, dem es so geht. 58 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer gaben in einer Link-Umfrage im April an, im Homeoffice zu arbeiten – fast doppelt so viele wie im Vormonat. Wie können sich die konzentrieren? Sind sie zu Hause so produktiv wie im Büro oder lassen sie sich ablenken? Interessant wäre es zu wissen, wie sich die Produktivität in den zu Offices umfunktionierten Wohnungen entwickelt hat.

In welchem Ausmass wir in ein paar Jahren zu Hause arbeiten, ist ungewiss. Noch ist es zu früh, um Prognosen zu stellen. Doch die Corona-Pandemie könnte sich zum Treiber neuer Raumkonzepte entwickeln, in denen sich Homeoffice und Familie besser unter einen Hut bringen lassen. Noch ist es nicht so weit.

Flucht ins Office
Ich schätze mich glücklich, über meinen Arbeitsort selbst bestimmen zu können. Zu Hause zwischen Konferenzschaltungen, Kochen und Kinderfragenbeantworten ist es für mich immer wieder befreiend, in die Parallelwelt des Büros fliehen zu können. In 15 Minuten bin ich zu Fuss von zu Hause dort – immer in angemessener Distanz zu meinen Mitmenschen. Die Ruhe in der Büro-Parallelwelt ist wunderbar – manchmal. Bloss: In den letzten Wochen war ich oft tagelang der einzige im Büro. Das war dann irgendwann doch zu viel für den einsamen PR-Berater im Grossraumbüro.

Die Online-Begegnungen mit Kunden und Kollegen haben mich als soziales und arbeitendes Wesen gerade noch am Leben erhalten. Anfänglich freute ich mich, dank Zoom in die Häuser und Wohnungen meiner Kollegen blicken zu können. Ab der dritten Lockdown-Woche fand ich die Video-Schaltungen, in denen mir die Köpfe meiner Geschäftspartner und Kollegen näherkommen als je in einer Sitzung im richtigen Leben, immer öder. Ich begann mich nach Austausch mit «leibhaftigen» Menschen zu sehnen.

Der Teig im Zoom-Meeting blieb haften
Die zwischenmenschliche Kommunikation via Bildschirm leidet. Ich mag es, die Stimmlage, Mimik und Körperhaltung meines Gegenübers zu erfassen. Es gibt mir Hinweise, Situationen richtig einzuschätzen. Nicht nur in der Kommunikationsbranche basiert die Zusammenarbeit auf gegenseitigem Vertrauen. Kein Video-Meeting kann das, was die «Chemie» zwischen Menschen ausmacht, herbeizaubern. Stattdessen bleiben in meinem Hirn völlig irrelevante Bilder aus den virtuellen Zusammenkünften haften. Zum Beispiel, als in einer Zoom-Konferenz mit einem Dutzend Teilnehmern, der Partner einer Teilnehmerin im Hintergrund Teig knetete. Gut, es hätten sich noch skurrilere Dinge im Hintergrund abspielen können. Was in dem Zoom-Meeting gesagt wurde? Ich weiss es nicht mehr. Den Teigkneter kann ich jedoch vor meinem inneren Auge jederzeit abrufen.

 

Das Büro ist noch nicht tot
Der Berufsalltag vieler Menschen wurde auf den Kopf gestellt, sie mussten sich an neue Arbeitsweisen gewöhnen. Die Pandemie hat uns allen gezeigt: Homeoffice ist in den meisten Branchen umsetzbar. Bei uns ist es aktuell jedem Mitarbeiter freigestellt, ob er zu Hause oder im Büro arbeiten möchte. Bis Anfang Juli peilen wir einen Normalmodus an mit mindestens drei Bürotagen in der Woche. Natürlich werde ich meistens im Büro sein, aber zwei Halbtage pro Woche werde ich wie bisher zu Hause arbeiten.

Jetzt gewinnen wir mit den Lockerungsmassnahmen ein Stück Normalität zurück. Doch manches wird uns erhalten bleiben. Virtuelle Meetings – wo sie vor der Pandemie nicht schon genutzt wurden – sind im neuen Normal eine Selbstverständlichkeit. Gleichzeitig gewinnt der persönliche Austausch mit Kunden, Geschäftspartnern und Kollegen einen höheren Wert.

Heute waren wir drei Personen im Office. Ich freue mich, schon bald mit weiteren Kollegen in der Küche oder auf dem Balkon bei einem Kaffee zu brainstormen und mich inspirieren zu lassen.



Autor
Philippe Welti denkt beim Backen des Sonntagszopfs jedes Mal an den Mann im Zoom-Meeting.