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18.01.2022 |

Jugendsprache: offen bleiben für Neues

Jugendsprache bewegt. Das zeigt sich in den Kommentarspalten zu Zeitungsartikeln über den Sprachgebrauch von Jugendlichen und in Gesprächen mit Freunden oder Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen. Spätestens, wenn der Langenscheidt-Verlag jeweils das Jugendwort des Jahres verkündet, wird Jugendsprache in meinem Umfeld zum Thema.

Die Meinungen gehen weit auseinander: Einige sehen darin einen Sprachzerfall, eine Verluderung des «richtigen» Deutsch. Andere finden die unkonventionellen Wortschöpfungen kreativ und amüsieren sich über die jugendsprachlichen Begriffe – wohl auch, weil sie diese häufig nicht auf Anhieb verstehen.

Die Verfechterinnen und Verfechter der ersten Kategorie kann ich beruhigen: Sprachwissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass die Mehrheit der Jugendlichen ihre Ausdrucksweise je nach Kontext und Adressat anpassen können. Sie sprechen mit der Chemielehrerin also grundsätzlich anders als mit ihren Klassenkameraden. Dasselbe gilt für die schriftliche Kommunikation, wie ein Forschungsprojekt der Universität Zürich zeigt. Die Expertengruppe um Germanistikprofessorin Christa Dürscheid wertete über 1’000 Texte von 14- bis 19-jährigen Schülerinnen und Schülern aller Schulformen aus. Sie konnte keine Evidenz dafür finden, dass das private Schreiben (z.B. das Verfassen von Whatsapp-Nachrichten) einen Einfluss auf das Schreiben in der Schule hat. (Quelle: Universität Zürich, 2017: «Was ist von der Jugendsprache zu halten?»; linguistik.uzh.ch/de/easyling/faq/durscheid-jugendsprache.html; 18.01.2022)

Ich persönlich breche an dieser Stelle eine Lanze für die Jugendsprache. Sie beschert auch mir regelmässig lustige Momente und spannende Gespräche. Wichtiger aber ist, dass sie mir vor Augen führt, wie produktiv und wandelbar Sprache ist. Sprache ist eine Masse, die sich verformen und erweitern lässt, und zwar auf lexikalischer, syntaktischer und grammatikalischer Ebene. Diese Eigenschaft macht Sprache aus, macht sie interessant und lebendig.

Jugendliche nutzen das produktive Potenzial von Sprache mehr als andere Altersgruppen. Sie erfinden neue Wörter, verwenden Begriffe aus anderen Sprachen – allen voran dem Englischen – und passen Strukturen an, um ihren Aussagen mehr Gewicht zu geben. Manchmal tun sie das bewusst, um sich abzugrenzen. Manchmal geschieht es unbewusst, weil die Sprache die Wirklichkeit und den Alltag der Jugendlichen reflektiert.

Als Erwachsene müssen wir nicht alles gut finden, was Jugendliche in ihrer Sprache schaffen. Und wir müssen diese Sprache auch nicht aktiv nutzen. Eine gewisse Offenheit gegenüber neuen Kreationen, grammatikalischen Abwandlungen und fremdsprachlichen Einflüssen sollten wir uns allerdings bewahren. Sonst geht schnell vergessen, was für ein vielseitiges Gut unsere Sprache doch ist.

Autorin
Michelle Russi hat mit Schrecken festgestellt, dass sie abends auf dem Sofa manchmal zum Smombie* verkommt. Sie nimmt sich vor, dies zu ändern.

*Smombie = Smartphone-Zombie (Jugendwort 2015 – steht für eine Person, die ihre Umgebung vor lauter Fokus auf das Handy kaum mehr wahrnimmt).

Weitere Jugendwörter des deutschen Langenscheidt-Verlags sind:
2021 cringe, 2020 lost, 2019 keines, 2018 Ehrenmann/Ehrenfrau, 2017 “I bims”, 2016 Fly sein, 2015 Smombie, 2014 läuft bei dir, 2013 Babo, 2012 Yolo, 2011 Swag, 2010 Niveaulimbo, 2009 hartzen, 2008 Gammelfleischparty