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16.01.2023|

Was sagt die Giraffe?

Woran denken Sie, wenn Sie eine Giraffe sehen? Wahrscheinlich nicht als erstes an „Gewaltfreie Kommunikation“. Was die Giraffe mit Kommunikation zu tun hat und was wir von ihr lernen können.

Von „Gewaltfreier Kommunikation“ (GFK) habe ich schon vor längerer Zeit gehört. Als friedliebende Person, die Schimpfwörter möglichst vermeidet, dachte ich allerdings, es sei mehr etwas für andere. Was für ein Irrtum! Zu dieser Erkenntnis kam ich, nachdem ich das Buch „Gewaltfreie Kommunikation“ von Marschall B. Rosenberg neulich doch noch gelesen und einen Einführungskurs besucht hatte.

Das zwischenmenschliche Miteinander verbessern

Die GFK ist eine bewährte Kommunikations- und Konfliktlösungsstrategie, die vom Psychologen Marschall B. Rosenberg vor über 40 Jahren entwickelt wurde. Den Begriff „gewaltfrei“ hat er in Anlehnung an den gewaltfreien Widerstand Mahatma Ghandis übernommen. Als Jugendlicher in den USA erlebte Rosenberg, wie Menschen verschiedener Hautfarbe in Konflikte gerieten. Auch er wurde wegen seines jüdischen Namens oft ausgegrenzt. Geprägt von diesen Erlebnissen widmete er sich als Psychologe der Frage, wie sich das Sprechen und Zuhören auf den gegenseitigen Respekt und die zwischenmenschliche Unterstützung auswirken.

Die gewaltfreie oder auch einfühlsame Kommunikation will die Menschen darauf aufmerksam machen, wie aus gewohnheitsmässigen, automatischen Reaktionen bewusste Antworten entstehen können. Das Konzept beruht auf der Annahme, dass die meisten zwischenmenschlichen Konflikte ihre Ursache darin haben, dass wir unsere Bedürfnisse in Dialogen falsch kommunizieren – nämlich oftmals mit einer wertenden und verurteilenden Sprache.

Giraffensprache oder Sprache des Herzens

Gemäss Rosenberg kann Kommunikation nur dann dauerhaft gelingen, wenn man sich empathisch in das Gegenüber einfühlen und sich auf Augenhöhe und jederzeit wertschätzend begegnen kann. Er verwendete dafür die Giraffe als Symbol, weil sie durch ihren langen Hals über Weitblick verfügt und das grösste Herz unter den an Land lebenden Tieren hat.

Die aggressive Sprache in unserem Alltag bezeichnete er als Wolfssprache (engl. Jackal). In dieser Kommunikation werden oft Du-Botschaften („Du bist, du musst, du hast…“) gesendet oder Verallgemeinerungen („immer/nie“) und Rechtfertigungen („ja, aber“) verwendet. Sie führen dazu, dass sich die andere Person schlecht oder in irgendeiner Form herabgesetzt fühlt. Entsprechend nimmt sie eine abwehrende Haltung ein, und die Kommunikation verläuft für beide Gesprächspartner unbefriedigend. Wölfe meinen zu wissen, was richtig oder falsch ist, und glauben, recht zu haben.

Schauen Sie sich dazu hier ein Video von Marschall B. Rosenberg an: https://youtu.be/elOHUpy1Ppo

Bedürfnisse als Kern des Kommunikationsmodells

In der GFK versucht man, bewusst alles zu vermeiden, was die Gesprächspartnerin, den Gesprächspartner verletzen oder beleidigen könnte. Stattdessen konzentriert man sich auf die Gefühle und Bedürfnisse, die hinter einer aggressiven Äusserung liegen. Die GFK geht von der Grundannahme aus, dass jeder Mensch Bedürfnisse hat, die wahrgenommen und erfüllt werden wollen. Zudem nimmt sie an, dass wir letztlich alle die gleichen Bedürfnisse haben, diese aber mit unterschiedlichen Strategien zu erfüllen versuchen. Das Bedürfnis nach Ruhe und Erholung erfüllt sich die eine Person vielleicht mit Sport in der Natur, eine andere Person mit Lesen auf dem Sofa. Deshalb ist es wichtig, dass wir zuerst die Bedürfnisse und nicht die Strategie kennen. Ein Anliegen der GFK ist es, ein anderes Bewusstsein von Verantwortung für die eigenen Gefühle zu fördern und damit die Chance, die Situation zu verbessern, nicht an den anderen abzugeben.

4 Schritte der Gewaltfreien Kommunikation

Das Konzept der GFK besteht aus 4 Schritten, um einen verbalen Angriff zu entschärfen.

1. Präzise Beobachtung statt Bewertungen, Interpretationen, Urteile, Verallgemeinerungen: Am Anfang stehen die Wahrnehmung und konkrete Beschreibung der Situation.
„Zu unseren letzten beiden Verabredungen bist du eine halbe Stunde zu spät gekommen.“
(statt: „Immer kommst du zu spät.“)

2. Gefühle statt Gedanken: Beschreibung, wie es mir damit geht und was es in mir auslöst.
„Das verunsichert mich.“
Achtung: Nach „Ich habe das Gefühl, dass…“ folgt kein Gefühl, sondern ein Gedanke.

3. Bedürfnis statt Strategie: Welches Bedürfnis kommt zu kurz?
„Ich möchte meine Zeit sinnvoll nutzen.“

4. Bitte statt Forderung: Aus dem Bedürfnis soll eine konkrete Bitte erfolgen.
„Könntest du mir bitte eine Nachricht senden, wenn du das nächste Mal verspätet bist?“
„Könntest du dich bitte darum bemühen, das nächste Mal pünktlich zu sein?“

Rosenberg fasste diese 4 Schritte in einer Faustformel zusammen: Wenn ich A sehe (Beobachtung), dann fühle ich B (Gefühl), weil ich C brauche (Bedürfnis). Deshalb möchte ich jetzt gerne D (Bitte).

Der Psychologe betonte selbst, dass dies keineswegs neu oder überraschend sei. Nur würden wir die uns bekannten Regeln im Alltag öfters vergessen.

Empathie als Kern der Gewaltfreien Kommunikation

Sich in sein Gegenüber einzufühlen und die Bedürfnisse hinter dem Gesagten zu erkennen, ist der Schlüssel der GFK. Fühlt sich die Person in ihren Anliegen wahrgenommen, bekommt das zentrale Nervensystem das Signal von Sicherheit – einem der Grundbedürfnisse von uns Menschen. Genauso wichtig wie das empathische Reden ist auch das einfühlsame Zuhören. Allzu oft versuchen wir, unser Mitleid zu äussern, von unseren eigenen Erfahrungen zu berichten oder Ratschläge zu erteilen, statt einfach nur still präsent zu sein.

Ungewohnt, aber einen Versuch wert

So einfach sich das Prinzip der GFK in der Theorie anhört, so ungewohnt ist es, im Alltag die gewohnten Sprachautomatismen zu übersteuern. Neben Zeit und Übung braucht es bewusste Achtsamkeit und Präsenz im Hier und Jetzt.

Ich persönlich nehme mir vor, dranzubleiben – erste Anwendungsversuche in meinem privaten Umfeld sind jedenfalls vielversprechend.

Über die Autorin

Andrea Schlenker liebt Giraffen. Sie hätte manchmal nicht nur gerne die langen Beine, sondern auch den Weitblick der Tiere. Immer auf der Suche nach Balance, steht sie für einen Perspektivenwechsel stattdessen gerne ab und zu auf dem Kopf.